Ramadan
Offener Brief an die Familienministerin Franziska Giffey

Familienministerin Franziska Giffey hat zum Start des Fastenmonats Ramadan muslimische Eltern gemahnt, „Kinder müssen regelmäßig trinken und essen, sonst können sie nicht aufmerksam sein, lernen und sich gesund entwickeln“. Meine Antwort an die Familienministerin, der auf Facebook über 1500 Mal geteilt wurde. Daraufhin hat die Ministerin sogar geantwortet.

Die Familienministerin traf mit ihrer Aussage einen Nerv.

Sehr geehrte Frau Franziska Giffey,

ich bin Muslim und habe in meiner Schulzeit gefastet. Es hat mir nicht geschadet, denn sonst hätte ich wohl kaum als Jahrgangsbester mein Fachabitur absolviert. Ich bin übrigens keine Ausnahme. Das Bildungsniveau in Deutschland lebender Muslime steigt stetig.

Wenn ich krank war, habe ich nicht gefastet, so ist es im Islam geregelt. Fasten sollten Muslime ohnehin erst, wenn sie in die Pubertät kommen. Ihre Sorgen sind vielleicht gut gemeint, aber an dieser Stelle nicht nötig.

Wenn Ihnen das Wohl der Kinder als Familienministerin und Sozialdemokratin am Herzen liegt, dann sollten Sie sich für höhere Hartz-IV Sätze einsetzen. Hartz-IV-Empfänger haben für die Ernährung ihrer Kinder bis zum sechsten Lebensjahr gerade mal 2,77 Euro pro Tag. Diese Armut schadet der Entwicklung der Kinder und nicht das Fasten.

Wenn Ihnen die Chancengleichheit als Familienministerin und Sozialdemokratin am Herzen liegt, dann sorgen Sie sich um die Chancengleichheit im Bildungssystem. Kinder aus wirtschaftlich schwachen Familien machen viel seltener Abitur oder besuchen eine Universität als Kinder aus wirtschaftlich starken Familien. Entscheidend für den Bildungserfolg ist nicht das Fasten, sondern der soziale Status.

Wenn Ihnen als Familienministerin und Sozialdemokratin die Lebensleistung aller Menschen am Herzen liegt, dann sorgen Sie sich um die Gehaltsunterschiede in diesem Land. Niedrigverdiener leben bis zu zehn Jahre weniger als Gutverdiener. Das hat nichts mit dem Fasten, sondern mit einer Zwei-Klassen-Gesellschaft zu tun.

Als Familienministerin und Sozialdemokratin sollten Sie sich genau um diese Probleme kümmern, statt steile Thesen über das Fasten zu verbreiten.

Die Liste mit sozialen Missständen in unserem Land ließe sich fortsetzen. Als Familienministerin sind Sie sicherlich stark beschäftigt. Aber falls Sie doch mal Zeit haben, lade ich Sie herzlich zu mir nach Essen zum Fastenbrechen ein. Bei der Gelegenheit können wir uns gerne über das Fasten und die sozialen Probleme in unserem Land unterhalten.

Mit freundlichen Grüßen
Said Rezek


Der Beitrag hat über meine Facebook-Seite eine hohe Reichweite erzielt.

Die Antwort der Familienministerin:  „Das Gute-Kita-Gesetz und das Starke-Familien-Gesetz, die ich beide auf den Weg gebracht habe, leisten einen ganz massiven Beitrag, um die von Ihnen genannten Probleme anzugehen. Ab August wird das Mittagessen in Kita, Schule und Hort für HartzIV Kinder komplett kostenlos, das Schulstarterpaket auf 150 Euro erhöht, kostenlose Lernförderung gewährt, der Zuschuss für Musikschule und Sportverein auf 15 Euro im Monat erhöht und die Schülerfahrkarte kostenlos. Außerdem werden Hartz IV Empfänger und Geringverdiener überall in Deutschland von den Kitagebühren befreit. Das wird eine echte und spürbare Entlastung für die Familien, über die Sie schreiben.“

Positiv ist, dass die Ministerin etwas gegen die sozialen Missstände unternimmt. Aus der Sicht von Wohlfahrtsverbänden reicht das nicht, aber es ist ein Schritt in die richtige Richtung. Andererseits geht Giffey in ihrer Antwort nicht auf das Fasten muslimischer Kinder ein, welches sie zuvor problematisiert hat. Das ist schade und feige, um es deutlich zu sagen.