Theaterrezension: „Du musst gehen Aeneas“
Auf den Spuren der Flucht – Von der Antike bis in die Moderne

Im Theaterstück „‘Du musst gehen Aeneas‘. Geflüchtete Helden – eine Inszenierung“ nehmen die jungen Darsteller das Publikum mit auf eine persönliche und zeitlose Reise. Sie ist geprägt von Flucht und Krieg, dem Spagat zwischen alter und neuer Heimat, bis hin zu ihren Erinnerungen und Träumen.

Foto: Said Rezek

Der Königssohn Aeneas, der Namensgeber dieser Inszenierung, war Flüchtling und ist ein Held der antiken Sagen. Nach der Eroberung Trojas durch die Griechen musste er das brennende Troja verlassen. Er irrte lange Zeit über das Meer und fand schließlich in Italien eine neue Heimat.

Ein ähnliches Schicksal hat einige Darsteller selbst ereilt. Abgesehen von einem gebürtigen Deutschen sind alle Flüchtlinge und Migranten aus Syrien, dem Irak, Argentinien, Rumänien und Italien. Die Inszenierung gibt den Menschen hinter den Geschichten ein Gesicht.

Auf die Bombe folgte die Flucht

Über 100 Gäste sitzen auf ihren Stühlen und warten auf den Beginn des Theaterstücks im Borbecker Kreuzer. Plötzlich stehen die Darsteller inmitten des Publikums auf und bewegen rauschende, goldene und silberne Rettungsdecken. Es erinnert unweigerlich an die wilden Wellen des Meeres.

Es ist dunkel und ein Scheinwerfer auf einen syrischen Kriegsflüchtling gerichtet. Er berichtet von einer trügerischen Sicherheit inmitten des Bürgerkriegs, während auf der Wand hinter ihm Kriegsbilder projiziert werden. Fünf Jahre ist sein Elternhaus verschont geblieben. Dann fiel die Bombe und darauf folgte die Flucht.

Der Sprecher aus dem Publikum ergreift das Wort: „Komm dummer Mann, der du da abreist, nutze unser Boot, du bist keineswegs Held, bist auch kein Bürger mehr, bist nicht mal ein Mensch, bist nur ein Migrant. Aeneas so hieß er einst, jetzt heißt er Anonymous. Anonymous, besitzt du etwa Papiere, die besagen, dass du ein jemand bist?“

Europa im Visier der Kritik

Die Darsteller befinden sich wieder zwischen zu den Zuschauern. Sie berichten stehend und unmissverständlich deutlich über ihre Flucht- und Migrationsgeschichten. Eine rumänische Darstellerin, hat sich aufgrund ihres Studiums für Deutschland entschieden. Ein syrischer Kriegsflüchtling verließ das Land, um nicht kämpfen zu müssen.

Für einen kurzen Moment schweigen die Schauspieler. Aufgrund der erdrückenden Schilderungen vergeht eine gefühlte Ewigkeit, bis arabischer Gesang aus dem Mund einer syrischen Darstellerin zu hören ist. Es geht um einen Vogel, der im Käfig sitzt und die Freiheit herbeisehnt.

Die Inszenierung springt immer wieder zwischen unterschiedlichen Sprachen, Vergangenheit und Gegenwart, persönlichen Geschichten und politischen Gegebenheiten. Während hierzulande in der aktuellen politischen Debatte von Obergrenzen und der Einschränkung des Familiennachzugs die Rede ist, einige europäische Länder noch keine Flüchtlinge aufgenommen haben, wird der alte Kontinent scharf kritisiert.

Wieder meldet sich der Sprecher, wie eine höhere Instanz zu Wort: „Jetzt will das Europa keine Eindringlinge mehr, es hat sich mit Grausamkeit zusammengetan, hat Küstenboote, die jede Abfahrt überwachen, die Reichen, die dort herrschen, wollen keine Leute, die noch ärmer sind als ihre Armen, denn das würde ihren Reichtum entwerten und  jenes Gleichgewicht zwischen arm und reich stören auf dem ihre Gesellschaft beruht.“ Bei dieser Passage handelt es sich um ein Zitat von Antonio Tabucchi, das in der italienischen Tageszeitung La Republica im März 2016 veröffentlicht wurde.

Die Entstehung des Theaterstücks

Die Idee, das Stück mit jungen Flüchtlingen einzustudieren und im Kreuzer aufzuführen, hatte die Regisseurin Aneliese Soglio im Sommer letzten Jahres, nachdem sie diesen Auszug gelesen hatte. Sie wandte sich daraufhin an den Jugendmigrationsdienst der Ev. Kirchengemeinde Borbeck-Vogelheim. Dieser stellte die Verbindungen zu den jugendlichen Akteuren her, die im Kreuzer an einem Integrationskurs teilnehmen.

Es geht darum beide Realitäten, damals und heute zusammenzubringen“, so die Regisseurin. Danach gefragt, ob bei dieser Aufführung etwas anders war als bei ihren vorherigen, sagt sie: „Alles“. „Vor allem mit so vielen Amateuren gleichzeitig zu arbeiten, mit relativ niedrigen Deutschkenntnissen und Menschen aus so vielen unterschiedlichen Kulturen.“ Außerdem wurde weitestgehend ohne Drehbuch gearbeitet. Statt dessen wurden biographische Texte der Darsteller und deren eigene Bilder aus dem Kriegsgebiet verwendet. „Zunächst waren die meisten zurückhaltend, haben sich aber immer weiter geöffnet und hatten Lust zu erzählen“, so Aneliese Soglio weiter.

Begeisterte Gäste – Fortsetzung offen

Zurück auf der Bühne berichten die Darsteller über ihre individuellen Träume. „Frieden für die Welt“, „Studieren“, eine „Ausbildung zur Bürokauffrau“, „Schauspielerin werden“, „…meine Eltern wieder sehen. Syrien ist meine Mutter. Deutschland meine Liebe, die habe ich mir ausgesucht, aber das heißt nicht, dass ich meine Mutter vergesse.“ Heimat und Familie sind für viele Darsteller des heutigen Abends eng miteinander verbunden.

Am Ende wird ein traditioneller arabischer Tanz aufgeführt. Die Stimmung ist heiter und einige Gäste hält es nicht mehr auf ihren Plätzen.

Ob das Theaterstück ein weiteres Mal aufgeführt wird, ist noch offen. Der Wille aufseiten der Darsteller ist jedenfalls vorhanden. Interessenten können sich an das „Interkulturelle Zentrum Kreuzer“ in Essen wenden.

Erstveröffentlichung am 5.1.2018 in: Borbecker Nachrichten